© dpa
© privat
Der karibische Dichter Derek Walcott und sein deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels erhalten für den Gedichtband „Weiße Reiher“ den Preis für Internationale Poesie der Stadt Münster 2013.
Der poetische Weltbürger Derek Walcott hat auf seiner langen Wanderschaft durch den Melting Pot der Kulturen in der Karibik, die ihn von der Insel Saint Lucia nach Boston führte, viele Meilen eines schmerzhaften Exils zurückgelegt und dabei die Leidens- und Kolonialgeschichte der karibischen Inseln aufgeschrieben. Als ein „heimatloser Satellit im Umlauf“, wie es im Gedicht „Nord und Süd“ heißt, durchquert er die Welt, erst recht seit der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1992, der zu einem Zeitpunkt erfolgte, als der hiesige Literaturbetrieb noch nicht einmal seinen Namen buchstabieren konnte.
Walcott schreibt eine Poesie, die nicht nur die „geborstene Geschichte“ des karibischen Archipels neu ordnet und in sinnlichen Bildern die Schönheit von Landschaft, Licht und Meer besingt, sondern auch die Traditionen jener abendländischen Zivilisation aufruft, in deren Namen die Ausplünderung der Karibik dereinst vollzogen wurde. Es ist eine Dichtkunst, die in virtuoser poetischer Synthesis die sinnliche Poesie des Südens mit den metaphysisch ernüchterten Geisteswelten des Nordens zusammenführt.
In seinem monumentalen Versepos „Omeros“, das in deutscher Übersetzung 1995 erschien, verherrlichte Walcott die Seeschwalbe als kosmopolitischen Lotsen der Lüfte, der den Helden nach seinen nomadischen Wanderbewegungen immer wieder nach Hause zurück führen kann. Über den westindischen Archipel und das unabhängige Inselreich Saint Lucia hinweg, wo Walcott 1930 geboren wurde und heute noch lebt, zieht die Seeschwalbe in „Omeros“ ihre Fluglinien und lässt die Phantasie des Dichters weit ausschweifen. In seinem meisterlichen Gedichtbuch „Weiße Reiher“, 2010 im achtzigsten Lebensjahr des Dichters und in deutscher Übersetzung 2012 erschienen, ist es nun die Eleganz der Schreitvögel, die für den Dichter zum Inbegriff der „stolzierenden Vollkommenheit“ werden.
In 54 Gedichten, die zum Teil aus mehrstrophigen Zyklen bestehen, geht Walcott in „Weiße Reiher“ erneut auf Wanderschaft und erkundet in bewegenden elegischen Versen seine Lebensspuren zwischen der Karibik, Europa und Amerika. Die „weißen Reiher“ verkörpern dabei die Natur wie die Dichtung, sie stehen für Leben und für Tod, und ihr Weiß trägt alles in sich: das Weiß des „Seeigelbarts“ des Dichters, das Weiß des Papiers, auf dem der Dichter schreibt und die schaumige Brandung. Die Gedichte des Bandes „Weiße Reiher“ verbinden hohen Ton, Dialekteinsprengsel und schnoddrigen Slang, Naturgeschichte und Zeitgeschichte, Naturmagie und Gesellschaftskritik. Es ist ein Buch der Schöpfungsgeschichte und zugleich ein Requiem, nimmt der Dichter hier doch auch Abschied von vielen dichterischen Weggefährten, die ihn lange begleitet haben. Die elegische Bewegung des Abschiednehmens verwandelt Walcott in eine emphatische Feier des Lebens.
Die Juroren Urs Allemann, Michael Braun, Cornelia Jentzsch, Johann P. Tammen und Norbert Wehr sind einstimmig zur Überzeugung gelangt, dass Derek Walcotts fabelhaftes Gedichtbuch „Weiße Reiher“ auf vollkommene Weise jene poetische Fusion vollzieht, von der einst Joseph Brodsky im Blick auf die Gedichte Derek Walcotts gesprochen hat: „die Fusion von zwei Unendlichkeiten, der Sprache und dem Ozean.“
Der Anglist und Übersetzer Werner von Koppenfels hat für die melodische Bewegung, die mitreißende Rhythmik und den elegischen Versfluss Derek Walcotts kongeniale Lösungen gefunden. Philologische Genauigkeit verbindet er mit einer großen Sensibilität für das Ausdrucksrepertoire und die unterschiedlichen Stilregister des Dichters. Zwar verzichtet Koppenfels weitgehend auf den Endreim, den Walcott sehr gerne einsetzt, aber das sichere Gespür des Übersetzers für Binnenreime, Assonanzen und poetische Musikalität sorgt dafür, dass die Lektüre der zweisprachigen Ausgabe zu einem karibisch-deutschen Poesiedialog wird. Völlig zurecht attestierte die Kritik dieser Übersetzungsleistung, dass „nicht bloße Wortschatten des Originals entstanden sind, sondern echte Parallelgedichte“ (FAZ).