Seit 1979 findet in Münster alle zwei Jahre das Internationale Lyrikertreffen statt, eine der traditionsreichsten Kulturveranstaltungen der Stadt. Und in diesem Jahr wird bereits zum zehnten Mal in seinem Rahmen ein Gedichtband und dessen Übersetzung ausgezeichnet. Hatte dieser Preis sich bis jetzt auf die Europäische Poesie konzentriert, ist anlässlich des Jubiläums eine Ausweitung erfolgt: Den neuen „Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie“ erhalten der junge amerikanische Lyriker Ben Lerner und sein Übersetzer Steffen Popp für den Band Die Lichtenbergfiguren (2004 The Lichtenberg Figures, dt. 2011); die Laudatio wird Monika Rinck halten, auch sie hat bereits an einem Lyrikertreffen Münster teilgenommen.
„Als ob im Singen die Wörter / das natürliche Denken fänden“ – diese Zeilen eines Gedichts der italienischen Lyrikerin Patrizia Cavalli bilden das Motto zu einem Konzert, das am Donnerstag um 20 Uhr in der Clemenskirche stattfindet: Ulrich Rademacher von der Westfälischen Schule für Musik hat Lyrikvertonungen zusammengestellt.
Eine Veranstaltung ist den diesjährigen Preisträgern gewidmet: Ben Lerner und Steffen Popp geben in einem Werkstattgespräch Einblick in ihre Zusammenarbeit.
Maria Gazzetti, die neue Leiterin des Münchener Lyrik Kabinetts, Dorothea von Törne, die in der „Literarischen Welt“ regelmäßig Gedichtbände bespricht und im letzten Jahr mit dem Alfred Kerr-Preis ausgezeichnet worden ist, sowie Hermann Wallmann vom Literaturverein Münster moderieren die Abendlesungen.
Junge Talente wie Nadja Küchenmeister und Ron Winkler werden ebenso erwartet wie Christoph Meckel und Günter Herburger, die bereits auf ein lyrisches Lebenswerk zurückblicken. Angela Krauß und Raoul Schrott werden Liebesgedichte lesen, Schrott auch seine aus dem Altägyptischen übersetzte erotische Lyrik. Patrizia Cavalli wird von Maria Gazzetti vorgestellt, die Übersetzungen ihrer Gedichte liest ihr Übersetzer Piero Salabè. Dirk von Petersdorffs neue Gedichte scheinen der Generation der 40jährigen aus der Seele zu sprechen. Kathrin Schmidt, vor zwei Jahren für ihren Roman Du stirbst nicht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, liest neue Lyrik. Und nachdem er im Jahr 2005 für seine Übersetzungen der Gedichte von Daniel Bănulescu den Poesiepreis der Stadt Münster erhalten hat, liest Ernest Wichner jetzt eigene Gedichte.
Im Rahmenprogramm des Lyrikertreffens wird Wichner, zusammen mit dem Jury-Mitglied Urs Allemann, ein Projekt gestalten, das sich dem 2006 verstorbenen Lyriker Oskar Pastior widmet. Pastior hat 1995 in Münster die Laudatio auf Inger Christensen und Hanns Grössel gehalten und im Jahr 1999 seinerseits den Münsteraner Poesiepreis für seine Übersetzungen von Gellu Naum erhalten.
Ferner werden Raoul Schrott und der Neuropsychologe
Arthur Jacobs das Buch Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren vorstellen, das einen ganz neuen Blick auf die Lyrik wirft. Maleen Brinkmann stellt die 2010 erschienenen frühen Gedichte ihres 1975 verstorbenen Mannes Rolf Dieter Brinkmann vor.
Wie in den Jahren zuvor wird es auch wieder Schullesungen geben: Fast immer zeigten sich die Lyrikerinnen und Lyriker begeistert von den unvoreingenommenen Reaktionen der Schülerinnen und Schüler.
Auch das diesjährige Lyrikertreffen dürfte eine Definition von Dorothea von Törne bestätigen: „Der Ort der Dichter ist die Ortlosigkeit. Das Schmetterlingstal der Dänin Inger Christensen ist nirgends und überall, auch in den Windows der virtuellen Welt. Lyrik ist die Gattung der Möglichkeiten und die älteste Kunst des Menschen überhaupt. Mit ihren Rhythmen und Klängen, den offenen, mehrdeutigen Worten, Bildern und Bezüglichkeiten, dem immer wieder neuen und anderen Rückgriff auf jahrhundertealte Formen und dem Spiel von Kontinuität und Regelbruch ist sie die Königsdisziplin. Sie handelt nicht von Welten, wie die Prosa, sie erschafft Welten, die durchlässig sind für das Denken und die Sinne. Was sie von der realen Welt an Abbildern und Spiegelungen aufnimmt, ordnet sie zu Mustern und Strukturen, die es nur einmal gibt: im jeweiligen Gedicht.“
Für das Lyrikertreffen arbeitet das Kulturamt der Stadt Münster mit dem Literaturverein e.V. – zusammen, für ein Projekt, das manche „Ode an die freie Unternehmung“ (so heißt ein Gedicht des letztjährigen Preisträgers Caius Dobrescu) verdient hat, meint der künstlerische Leiter
Hermann Wallmann